Journaling – Hygiene for the soul

Seit dem Teenageralter habe ich sehr viele Tagebücher mit Inhalt gefüllt. Es ordnet das Innenleben und Hefte sind geduldige Zuhörer, wenn man zum wiederholten Male seinen Kummer klagen möchte. Ein potenter Begleiter, der Gedankenkreisen stoppen kann, Lösungen durch Introspektion anbietet und Träume der Nacht und des Lebens sammelt. Journaling hilft, sich selbst besser zu organisieren und zu verstehen.

Beim Schreiben vergegenwärtigt der Tagebuchinhaber sich der Dinge, wie sie sind. Er erkennt an, dass er selbst die Verantwortung für sein Leben trägt und lotet seinen Handlungsspielraum aus. Über Listen könnte er sich strukturieren, um auf die Zukunft zuzuarbeiten, die er erreichen möchte.  Die Realität wird mit den Wünschen abgeglichen und Schritte zur Umsetzung geplant.

Es sind kurze tägliche Reflexionen, die einem mit Achtsamkeit seine eigenen Gefühle betrachten lässt. Beim erneuten Lesen entsteht eine klarere Sicht auf den Tag und größere Zusammenhänge.

Das Thema beschäftigt mich, weil eine neue Freundin jeden Tag klagte, dass sie ihren Körper hasst und sich, obwohl sie nicht viel isst, für jede „Sünde“ schonungslos verurteilt. Ich verstehe sie mit ganzem Herzen, da mich die fantastischen Kuchenauslagen hier auch allzu oft schwach werden lassen. Ich habe sie überzeugt, dass der Körper jeden Tag Dankbarkeit verdient und ihr angeraten ein Dankbarkeitstagebuch anzulegen, um die ersten Schritte hin zu Frieden mit ihrem Körper zu machen. Im Kontext Selbstliebe und Körperdankbarkeit könnte man durch eine tägliche Anerkennung seines „Tempels“ sicherlich viel bewirken. Was findet man an sich schön? Was finden andere schön? Was funktioniert einwandfrei? Was kann man mit dem Körper alles schönes erleben? Welche Prozesse laufen mühelos ab, um uns am Leben zu halten? Was kann der Körper leisten? Auch die Anerkennung, dass diese menschliche Erfahrung erst über unseren Körper möglich ist, könnte zu mehr Wertschätzung beitragen.

Wie ist das nun mit der Dankbarkeit im Allgemeinen. Morgens kann Dankbarkeit ein Vorsatz sein und uns innerlich positiv ausrichten. Abends kann man sich selbst für das Geleistete auf die Schultern klopfen. Für welches Learning erfüllt einen mit dem Gefühl der Dankbarkeit? Für welchen Menschen ist man dankbar? Was hat sich ereignet, wofür man dankbar ist? Wir könnten uns vergegenwärtigen, dass gerade, weil alles in Bewegung ist, nichts selbstverständlich und unendlich ist. Das Gute muss nicht außergewöhnlich sein und liegt bereits in den einfachen und kleinen Dingen. Alles, was in diesem Moment schön ist, hat unsere ganze Aufmerksamkeit und unseren Dank verdient. Fest steht, dass Dankbarkeit Ärger und Sorgen auflöst und uns mit mehr Liebe auf uns selbst blicken lässt.

Ich habe mir dann die Frage gestellt, von welcher Art Tagebuch zu schreiben ich am meisten profitieren kann und wie ich Dankbarkeit darin integrieren möchte.
Der Macher von nomadsland.org hat mir Einblick in seine Tagebuch-Routine gewährt. Es besteht aus vier Absätzen. Fragen, die er mit einem Wort und einem Satz beantworten kann, seine Nachtträume und ein freier Text. Ich musste zunächst lachen, als ich seine Auflistung las, die er mit einem Wort beantwortet. Schlaf, Körpergefühl, Stimmung, Libido und Medikation. Weit interessanter war dagegen war: Was ist gestern passiert, das ich mir verzeihen möchte? Wofür bin ich dankbar? Was macht mich nervös? Was habe ich gestern tolles geschafft? Was möchte ich heute erreichen? Diese Sammlung hat mich dafür sehr angesprochen und ist nun auch Teil meiner morgendlichen Schreibroutine geworden.

Ich gehe jetzt mal los und beginne den Tag mit einer Tasse Kaffee und meinem Tagebuch.

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