Fear versus Punk

Ich bin nicht nur hier, um Yogalehrerin zu werden, sondern auch, um über mich hinauszuwachsen. Seit Jahren ist es mir sehr wichtig, regelmäßig meine Komfortzone zu verlassen. Wenn ich Angst verspüre, dann ist es nur ein Zeichen, dass hier etwas liegt, das ich noch bearbeiten und überwinden sollte. Ich wollte gerade“muss“ schreiben, aber was muss ich schon. Es ist mir ein Bedürfnis und Anliegen meinen Ängsten nicht ausgeliefert zu sein. Präsentieren vor Publikum war nie meins. Ich erinnere mich an ein Referat, dass ich an der Hamburger Uni halten musste und mir klapperten tatsächlich die Zähne vor Angst und ich hatte einen Tatterer wie auf Entzug. Woher kommt diese Angst, seine Stimme vor anderen zu erheben und was kann man dagegen tun?
Diese Situation mit dem Referat liegt schon mehr als ein Jahrzehnt zurück, aber ich bin immer noch nicht in jeder Situation so souverän, wie ich es gerne sein würde. Nun bin ich hier und mache einen zweiten Anlauf in einen lehrenden Beruf einzusteigen. Wir haben heute bereits die erste Ausbildung abgeschlossen. Eine Yogaausbildung kann nur als ein Initiierungsritual angesehen werden, als ein Startschuss, um das neugewonnene Wissen in sein Alltagsleben zu integrieren und eine eigene Praxis  auf einem fortgeschrittenen Level zu etablieren. Sein Wissen an andere weiterzugeben ist ein nachfolgender Prozess und ich stehe noch am Anfang. Ich denke, ich habe gut daran getan, direkt drei Ausbildungen am Stück machen zu wollen, um Yoga tiefer in mein Leben einzupflanzen und einen guten Job zu machen. Aber bevor man „Art of Teaching“ angehen kann, muss man erstmal Herr über seine Ängste werden vor Publikum zu performen. Was ich festgestellt habe ist, dass ich, wenn ich sehr nervös bin, nach Innen gehe, was es erschwert mich mit meinen Schülern zu verbinden. Also was tun gegen diese Nervosität.
Ich denke viele Dinge mache ich bereits richtig. Ich meditiere morgens auf das erhoffte Ergebnis, also in meinem Fall auf eine gelungene Yogastunde, die ich souverän und mit einer angenehmen Art unterrichtet habe und ich beruhige mich mit den entsprechenden Atemtechniken. Meine Lieblingsübung ist Anulom Vilom, aber bereits ein paar Tiefe Atemzüge in der Ujjai Technik sind auch schon wirkungsvoll und weit unauffälliger, wenn man es in der Öffentlichkeit praktizieren muss. Ich weiß vor dem Unterricht die ersten Sätze auswendig, damit ich nicht direkt ins Stolpern kommen kann und habe mich gut vorbereitet. Es ist essentiell, das der Körper, wenn er dann doch mal in den Nervositätsautopiloten umgeschaltet hat, auf gründlich gelerntes Wissen zurückgreifen kann, um weiter zu funktionieren, auch wenn die Präsenz gerade nicht gegeben ist. Und falls man doch einmal einen blackout haben sollte, was hat das schon für eine Bedeutung. Es fällt vermutlich nicht einmal auf, da man nur selbst das vorbereitete Konzept kennt. Des Weiteren spreche ich meine Vorträge bzw. meinen Unterricht vorher laut durch, um mein Timing im Griff zu haben und holprige Stellen aufzuspüren.
Die Angst, die man in solchen Situationen verspürt, ist oft diffus, daher vergegenwärtige ich mir, was ich zu verlieren habe. Es steht meist nicht viel auf dem Spiel, außer seinem eigenen Perfektionismus nicht gerecht zu werden oder von anderen in einer Weise beurteilt zu werden, die einem nicht in den Kram passt.

Das ist ein wichtiger Punkt. Ein Freund von mir ist so abgehärtet, dass er auf dem Anleger am Fischmarkt Yoga machen kann, ohne sich beobachtet zu fühlen. Eine ordentliche Portion Punk, diese selbstbewusste Egal Haltung was andere von einem Denken, das ist wirklich ein Feld an dem ich arbeiten möchte. Es macht keinen Sinn sich zu viel aus der Meinung anderer zu machen und seinen Wert an seine Leistung zu knüpfen ist genauso wenig eine gute Idee. Vor allem kann man sich oft erst weiterentwickeln, wenn man Fehler macht. Man muss sich die Möglichkeit einräumen zu versagen und wenn es tatsächlich eintritt, muss man lernen nicht an seinem verletzten Ego hängenzubleiben.

Wir sind alle mit einem individuellen Paket an Fähigkeiten ausgestattet und daher ist es sinnlos sich zu vergleichen oder den Anspruch zu haben alles auf Anhieb können zu müssen. Zu genügen kann einem oft mehr nutzen, als die Beste zu sein, da man nun die Möglichkeit hat sich weiterzuentwickeln. Man darf nicht das Vertrauen in sich verlieren und den Glauben, dass man mit Beharrlichkeit die Meisterschaft erlangen kann.
Ein weiterer wichtiger Punkt, den ich in dem Zusammenhang mitgenommen habe ist, dass man seine Gegenwehr fallen lassen muss. Wenn man sich sträubt, wird man keinen Erfolg haben. Es geht darum wirklich ja zu der Situation zu sagen, die einen einschüchtert. Man sollte genießen, was man macht und das vermittel, was einem selbst wichtig ist. Authentisch sein. Bleibt die Frage, wer man ist und was man transportieren möchte. Wenn man verbissen, ernsthaft oder verzagt ist, wird das für keinen der Beteiligten ein Vergnügen werden. Wie kann ich selbst in diesen Zustand der Freude und Begeisterung kommen?

Ich werde versuchen Dankbarkeit zu kultivieren für jede Chance mich zu beweisen, zu lernen und zu wachsen. Der Fokus liegt nun darauf meinen Stil zu entwickeln und meine Botschaft zu formulieren.

Ein Stein, der ins Rollen gebracht wird, sollte in die richtige Richtung rollen. Das geht nur, wenn man das vorher einmal gründlich durchdacht hat. Ich bin ganz schön froh, jetzt einige Tage kein Programm zu haben. Eine Verschnaufpause, in der ich mir Gedanken machen kann zu diesen Punkten. Om shanti.

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