Indien ist gut darin einen an wichtige Erkenntnisse zu erinnern, die man sicherlich schonmal in seinem Kopf von Rechts nach Links beweg hat, aber dann doch unbeachtet in einer Ecke des Bewusstsein hat verstauben lassen.
Als erstes Beispiel will ich die Geschichte mit dem demolierten Roller heranziehen. Als ich den Roller kaputt gemacht habe, hat sich das wie ein beängstigender Kontrollverlust angefühlt und ich bin von einem schlimmstmöglichen Szenario ausgegangen. Es gibt keinerlei Vertrag, also werden die dich mit Mondpreisen schröpfen, die du bezahlen musst, weil sonst gibt es den Pass nicht zurück. Jeder der schonmal einen Lackschaden in Deutschland bezahlen musste, weiß welche horrenden Summen mir durch den Kopf spukten. Mit klopfendem Herzen habe ich Montag den Roller vorgefahren und was hat mich das Wochenende mit dem Roller inklusive des fetten Lackschadens gekostet? Um die 20 Euro. Das veranschaulicht, dass sich oft das Schlimmste ausschließlich im eigenen Kopf abspielt. Man kann sich natürlich über ungelegte Eier graue Haare wachsen lassen, aber das sollte man dann aber auch als das ansehen was es ist. Unsere eigene Wahl und Entscheidung. Gerne möchte ich künftig durch die Brille indischer Gelassenheit auf die Dinge blicken und mir vielleicht die eine oder andere Panikattacken einfach sparen. Denn ich habe mich jetzt ja wieder erinnert: Oft ist es halb so Schlimm und die Sorgen gar nicht wert.
Das Sprichwort „Gut Ding will Weile haben“ ist in Indien von besonderer Bedeutung, denn es scheint in der DNA der Inder angelegt zu sein, langsam zu sein. Pünktlichkeit ist ein dehnbarer Begriff und beinhaltet mindestens das akademische Viertel. Der Unterschied zu Deutschland ist, dass die Zuspätkommenden NICHT gestresst hereinbrausen. Es ist einfach für alle Beteiligten voll ok. In Speisekarten steht, man soll sich nach dem Bestellen 30 Minuten gedulden, ohne rumzunerven. Also nicht in dem Wortlaut, aber das ist das Anliegen dahinter. Wird einem zu einer Gelegenheit gesagt, man müsse 15 Minten warten, dann ist es smart sich auf eine Stunde einzustellen. Unsere Hektik wird hier erfolgreich ausgebremst. Überpünktliche Menschen wie ich gehen hier durch eine harte Schule und ich übe mich erfolgreich in Geduld, denn man passt sich schnell an den Fluß der Dinge hier an. Wie heißt es so schön, Geduld ist eine Tugend.
Nächste Beispiel. Als ich mit Maitily am Sonntag bestimmt eine dreiviertel Stunde in den Wellen herumgehüpft bin, hing ihr Rucksack die ganze Zeit an einem Life Guard Hochsitz. Darin war ihr Handy und ihr Scooter Schlüssel. Ich fragte sie, als wir uns danach trockenrubbelten, ob sie nicht Angst hätte, dass ihr Rucksack geklaut wird. Sie meinte das passiert in Mandrem schon nicht. Wenn es aber doch passiert, dann musste es so passieren. Ich habe Inder trotz ihrer deterministischen Weltsicht und dem Glauben an Karma nie als Leichtsinnig wahrgenommen. Eher so im Fluß mit dem Leben. Wenn eine Sache passieren musste, dann ist es eben so und man akzeptiert es. Die Verweigerung der Akzeptanz ist der Stachel, den wir selbst nicht aus unserem Fleisch ziehen wollen. Mir gefällt ihr Vertrauen und zugleich die Akzeptanz aller Dinge, die ihr wiederfahren.
Zu guter Letzt ein Klassiker der indischen Philosophie. Ein wichtiger Punkt in den Upanishaden, einer philosophischen Schriftensammlung irgendwann BC, beinhaltet etwas, dass mich an das Höhlengleichnis von Platon erinnert. Quintessenz: Es ist nicht alles so, wie es scheint. In Platons Höhle sieht man nur die Schatten an der Wand und diese symbolisieren die Scheinwelt, die aber als echt empfunden wird. In den Upanishaden wird der Mensch konstituiert aus einer Trinität bestehend aus „Body, mind and self“. Wobei „self“ für Atman, das beobachtenden Bewusstsein steht. Der Mensch in diesem Denksystem findet seine Scheinwelt durch Konzepte, die ihn beschäftigt halten. Dieses Idee heißt „Maya“ und ist schlecht mit „Illusion“ übersetzt worden. Diese Konzepte können alles Mögliche sein. Geld, Götter, Soziale Medien und so weiter. All diesen Konzepten haben eine Gemeinsamkeit. Sie halten einen gut beschäftigt, aber stillen nicht den wahren Durst oder die wahre Sehnsucht, die in uns murrt. Und welche Weisheit steckt hier drin? Glaub nicht alles was du denkst oder siehst. Werfe das Spotlight deines Bewusstseins auf die Dinge und werde zum Beobachter. Vielleicht ermöglicht es dir zu dem zu greifen, was deinen Durst wirklich stillen kann.






